Lebensformen – Lebensräume

11. bis 26. April 2026

Anke Bornhöfft-Neugebauer
Utschka (Uschi Zöller)
Reinhard F. Maria Wiesiollek

in der Remisengalerie des Hanauer Kulturvereins

Wenn wir unsere Augen schließen und uns vorstellen, wir blickten aus der Schwärze des Alls zurück auf unsere Heimat, dann sehen wir ihn: den „Blauen Planeten“. Ein winziger, leuchtender Saphir in der Leere der galaktische Weite. Wir Menschen nennen diesen Ort „Erde“ – im Deutschen namensgleich benannt nach dem, worauf wir stehen – dem Erdreich, dem Erdboden. Doch dieser Name führt uns eigentlich in die Irre. Aus dem Weltraum betrachtet wird klar: Unsere Welt ist primär eine Wasserwelt. Das Meer macht den weitaus größten Lebensraum dieses Planeten aus, eine geheimnisvolle Tiefe, die seit Äonen die Wiege des Lebens ist: Das Wasser als erster Lebensraum überhaupt.

Doch sobald das Leben entstanden war, war die Erde nicht mehr nur den verwandelnden geologischen und physikalischen Prozessen ausgesetzt. Vom ersten Auftreten des Lebens an, treten Lebewesen selbst als Gestalter in Erscheinung. Beispielsweise veränderten Cyanobakterien vor 2,4 Milliarden Jahren durch ihre Stoffwechselaktivität die Beschaffenheit der Erdatmosphäre grundlegend, was die Entwicklung allen weiteren Lebens, wie wir es kennen, erst möglich machte. In der Karbonzeit – vielen bekannt als das Zeitalter der Steinkohlebildung – hatte das massenhafte Auftreten von Landpflanzen – die berühmten Steinkohlewälder – am Ende eine globale Abkühlung zu Folge, was vor ca. 300 Mio Jahren zu einer massiven Vereisung führte. Dieser klimatische Wandel führte wiederum zu einem fundamentalen Wandel der Lebensräume und Lebensformen.

Beispiele wie diese sind nicht nur in der tiefen Vergangenheit der Erde an weit entfernten Orten zu finden. Selbst hier, an dem Ort, wo wir uns heute befinden, hat die gemeinsame Geschichte von Lebensformen und Lebensräumen ihre Spuren hinterlassen: Würden wir hier an dieser Stelle die Erde wie Zeitschichten abtragen, wir fänden uns an Zeitorten wieder, die uns völlig fremd wären. Vor nur 20.000 Jahren blickten wir vielleicht auf eine karge, eiszeitliche Steppe, durch die Mammutherden zogen. Gehen wir weiter zurück, etwa 50 Millionen Jahre, fänden wir uns in einem feuchtheißen, tropischen Dschungel wieder – die nahe gelegene Grube Messel ist ein wunderbares Zeugnis für diese Lebenswelt. Und noch tiefer in der Zeit war dieser Boden vielleicht der Grund eines Meeres. Usw. usw…

Die Naturgeschichte lehrt uns eine fundamentale Lektion:

Lebensformen und Lebensräume bedingen einander wechselseitig.
Arten sind keine passiven Bewohner einer Kulisse; sie sind auch Architekten ihrer eigenen Welt.

Denken wir an die Pflanzen, die den Sauerstoffkreislauf antreiben, die mit ihren Wurzeln den Boden stabilisieren, deren Abbauprodukte mit Hilfe von Bodenorganismen fruchtbaren Boden erst entstehen lassen.
Denken wir an die Korallen, deren Kalkskelette im Ozean gewaltige, urbane Zentren des Meeres errichten und Lebensräume für Tausende von Arten schaffen.
Und doch ist jede Art für sich eingeflochten in ein fragiles System von komplexen Beziehungen, Lebensraum und Klima.

In der heutigen Zeit ist der Mensch zum dominanten Gestalter geworden. Wir weiten unseren Lebensraum immer weiter aus, doch wir tun dies in der fälschlichen Annahme einer Dualität – als stünden wir außerhalb der Natur. Dabei sind wir untrennbar in dieses System eingebettet. Wenn wir Lebensräume so massiv verändern, dass sie für andere Arten aufhören Lebensraum zu sein, gefährden wir die Stabilität des gesamten Gefüges, von dem wir selbst abhängen.

Die drei künstlerischen Positionen machen die Zerbrechlichkeit dieser ökologischen Zusammenhänge sichtbar.